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Traumberuf?

13/08/2009 1 Kommentar

…Die letzen Stufen sind erreicht. Jetzt ist es so weit, sie ist ganz unten angekommen. Hinter der schweren Eisentür befindet sich ein langer Korridor…schummriges Licht. Bis auf ein gelegentliches Knacken ist alles still…sie ist ganz allein hier unten. Schnellen Schrittes geht sie den Korridor entlang. Ihr Weg führt sie an mehreren Türen vorbei, bis sie schließlich vor einer stehen bleibt…Nr. 9…ja, hier ist es. Ein entferntes Poltern lässt sie kurz aufschrecken. Dennoch steckt sie entschlossen den Schlüssel in das Schloss. Die Tür öffnet sich schwerfällig. Sie starrt in absolute Finsternis…ein seltsamer Geruch schlägt ihr entgegen. Sie macht einen Schritt vor und tastet mit der linken Hand an der Wand entlang…klick…der Raum wird erhellt. Und da stehen sie…

Okaay…zugegeben da habe ich meinen Gang in das Altbestandsmagazin etwas dramatisiert beschrieben, aber ein klein wenig unheimlich kann es schon sein. 😉
Also, wer steht nun dort? Natürlich die Bücher des Altbestandes. Das sind Bücher bis 1850. Oft in Ledereinbänden eingehüllt, manchmal in Pergamenten. Für mich ein wunderschöner Anblick. Doch scheinen nicht alle so zu empfinden. Wenn ich anderen begeistert erzähle, wie gern ich mit dem Altbestand arbeite, gibt es nur 2 Reaktionen. Entweder sie teilen meine Begeisterung von vornherein oder zeigen zumindest echte Neugier und Interesse. Oder sie rümpfen die Nase, schütteln sich und lassen Worte wie „dreckig…ekelig…riechen total seltsam…fassen sich komisch an“ verlauten. Das versetzt mir immer einen kleinen Stich und nachvollziehen kann ich es ganz und gar nicht.

Ich glaube jeder Haltestange im Bus haften mehr Bakterien an, als diesen Büchern. Zugegeben manche riechen seltsam, aber stinken tun sie auf keinen Fall. Das Papier ist fest und oft hat man das Gefühl zwei Seiten anstatt einer zwischen den Fingern zu halten, aber das kann doch nicht dazu führen, dass man sich davor ekelt?
Wie gesagt ich arbeite gern mit diesen alten Büchern und darum freut es mich umso mehr, dass ich innerhalb meiner ersten richtigen Stelle damit arbeiten darf. In den letzen Wochen habe ich so einiges über die Katalogisierung alter Drucke gelernt. Da kommen schon einige neue PICA Kategorien zusammen.
Zum Beispiel erhält jedes Buch einen Fingerprint. Die Angaben aus dieser Kategorie machen es einfacher das Buch zu identifizieren. Um den Fingerprint zu erstellen, werden unter anderem von vordefinierten Seiten bestimmte Buchstaben entnommen und das Erscheinungsjahr ergänzt. Das Buch ‚Die Blatterimpfung erleichtert und hiermit den Müttern selbst übertragen / Johann Georg Eisen. – Riga, 1773‘ trägt beispielsweise den Fingerprint est, e-hr d.er Alli 3 1774A . Es kommt vor, dass sich Titeldaten nur sehr leicht unterscheiden, da ist der Fingerprint eine sichere Methode der Identifikation. Da die Bücher meist in Fraktur geschrieben sind und sich die Menschen anders ausdrückten, muss man schon sehr genau hinschauen und genau arbeiten.

Spannend ist es natürlich, wenn man kurz Zeit hat durch das Buch zu Blättern und ein paar Stellen lesen kann. So fand eine Kollegin in dem Buch ‚Character Friederichs des zweyten, Königs von Preussen / Anton Friederich Büsching. – Halle, 1788‘ die Menüfolge des Königs vom 23.10.1780. Es gab Suppe mit Zuckerwurzeln, Rebhühner mit grünen Erbsen, kleine Pasteten auf röm. Art, gebratene Lerchen, Klops vom Kalb auf englisch und zum Nachtisch Obst. Das klingt doch echt mal lecker. (Danke Inez 😉 ).

Mir sind auch schon einige skurrile Bilder begegnet. Zum Beispielt dieses: skel2 (Aus dem Thesaurus Frederici Ruyschii, Anatomes & Botanices Professoris … Opera Omnia Anatomico-Medico-Chirurgica : Huc Usque Edita ; Quorum Elenchus pagina sequenti exhibetur, Cum Figuris Æneis. – Amstelodami, 1725-1747).

Schmunzeln musste ich, als ich ein Buch entdeckte, dessen Titel mir zeigte, wie bedeutend doch meine Heimatstadt ist. Mir war nicht klar, dass sie gar weltberühmt ist! Nun zumindest behauptet es der Autor des Werkes: ‚Elegia De Obsidione Magdeburgensi, das ist Klage-Reimen/ Von der Belägerung und Eröberung der weitberühmten und uhralten Stadt Magdeburg : An den Herrn Joachimum Camerarium Pabenbergensem, vor etlich 70. Jahren in Lateinischer Sprach beschrieben/ und verdeutschet / Von dem vornehmen Poeten Petro Lotichio II. Solitariensi, der Universitet Heidelberg Professore‘. Das Buch liegt digitalisiert vor und kann hier nachgelesen werden. 😉

Natürlich frage ich mich manchmal, wie viele Menschen so ein Buch wohl mal in den Händen gehalten haben. Haben sie sich gefragt, wie lange es dieses Buch noch geben wird? Oder wie eine Bibliothek in 200 Jahren aussehen wird? Bestimmt, aber genauso wenig, wie sie die Zukunft erahnen konnten, kann ich mir heute vorstellen, wie es war damals zu leben.

Worauf wollte ich eigentlich mit diesem Blogeintrag hinaus? Ganz einfach Bibliothekarin ist mein Traumjob und zurzeit habe ich meine Traumstelle. Ich darf alte Bücher bearbeiten, dabei ein wenig in die Vergangenheit schauen und mir gleichzeitig über aktuelle, vielleicht auch manchmal nach Zukunftsmusik klingende Technologien Gedanken machen. Das fordert mich. Das motiviert mich. Das macht mir Spaß.

Nachtrag 14.09.09: Heute wurde der Hinweis auf diesen netten Artikel: Was Bibliotheken lieber verschweigen gezwitschert. Ab sofort kann ich mich also wahlweise fragen „Wer hatte das Buch wohl schon in den Händen?“ oder „Wen halte ich da wohl in den Händen?“ 😉

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ToDo: Zustand genießen.